Fraglich: Erholung mit Blick auf Maisacker? Foto: Roland Günter
Fraglich: Erholung mit Blick auf Maisacker? Foto: Roland Günter

Natur im Fokus: Umwelt statt „Unwelt“

Alles in Reih und Glied, aber ohne Leben: Warum wir ein neues Naturverständnis brauchen, erklärt Biologin Karin Günter.

Was ist das „Shifting-Baseline-Syndrom“?

Ältere Menschen erzählen, dass sie im Frühling über „Teppiche“ von Blumen gelaufen sind und ihre Schweine mit Bachmuscheln gefüttert haben. Junge Menschen wissen weder, wie wirklich artenreiche, bunte Blumenwiesen aussehen, noch finden sie die heute sehr seltenen Bachmuscheln in den Bächen. Sie leiden aber auch nicht darunter, denn sie kennen es nicht anders. Sie halten den Anblick für „normal“ – die „Baseline“ hat sich verschoben. Daher freue ich mich über die „Fridays for Future“. Endlich wird die junge Generation aktiv und erkennt, dass es um ihre Zukunft geht. Der Klimawandel, der Biodiversitätsverlust und viele weitere Themen (be-)treffen sie.

Wie wird unsere Umwelt für die nächste Generation aussehen?

Wird es überhaupt noch eine Umwelt im Sinne von Natur geben? Schon heute erkennt man etwa am brutalen Abschlegeln von Hecken (anstelle des sachgemäßen „auf den Stock Setzens“) und der lieblosen Vorgartenbepflanzung, dass die Natur für viele zum Feindbild geworden ist. Wird der Blick auf Maisäcker, Rapsfelder und in Reih und Glied gepflanzte Bäume der zukünftige Blick in die Natur sein? Oder schrumpfen durch den Klimawandel die für den Menschen überhaupt noch bewohnbaren Flächen so stark zusammen, dass sich diese Fragen gar nicht mehr stellen werden? Bereits jetzt wird die Natur an den Rand gedrängt zugunsten von Wohn- und Gewerbegebieten sowie Verkehrsflächen.

Trostloser Anblick: Monotones Rapsfeld mit gerader Baumreihe. Foto: Roland Günter

Trostloser Anblick: Monotones Rapsfeld mit gerader Baumreihe. Foto: Roland Günter

Kein unendliches Wachstum in einer endlichen Welt

Das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr schreibt dazu: „Der Flächenverbrauch ist die Kehrseite des einzigartigen Aufstiegs Bayerns vom Agrarland zum Industrieland und vom Industrieland zum führenden Hightech-Standort in Europa.“ Doch das hat einen hohen Preis. Der sogenannte „Earth Overshoot Day“ bezeichnet den Tag, an dem die Menschheit rechnerisch ihre jährlichen, auf der Erde verfügbaren Ressourcen aufgebraucht hat. Für Deutschland war das für 2018 der 2. Mai. Der Ökonom Kenneth Boulding sagt: „Wer glaubt, unendliches Wachstum in einer endlichen Welt sei möglich, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler.“ Die Folgen gehen nicht spurlos an uns vorbei. Wirtschaftlicher Reichtum macht nicht glücklich, immer mehr Menschen leiden an Krankheiten, die im Zusammenhang mit Umweltgiften und Stress genannt werden. Sind die „Fridays for Future“ ein Schritt in eine lebenswertere Zukunft?

Diplom-Biologin Karin Günter. Foto: Roland Günter

Diplom-Biologin Karin Günter. Foto: Roland Günter

Zur Person: Karin Günter

Die Diplom-Biologin ist bei der Höheren Naturschutzbehörde an der Regierung von Unterfranken tätig. Ihr Mann Roland Günter präsentiert im Internet ein umfangreiches Naturbildarchiv, schreibt Naturreportagen für Zeitschriften und bietet Multivisionsvorträge an. Mehr unter ww.naturbildarchiv-guenter.de und www.makro-treff.de.

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