Dr. Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg. Foto: Dominik Röding
Dr. Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg. Foto: Dominik Röding

Blickwinkel: „Ich will jungen Frauen ein Vorbild sein“

Im „Blickwinkel“-Interview spricht Diplompsychologe Lorenz Wohanka mit Dr. Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg, über ihren Lebensweg, der von Gegensätzen geprägt ist.

Erste Wahl Jurastudium

Lorenz Wohanka: Frau Düber, mich interessieren die Stationen in Ihrem Leben, die Sie hierher führten. Viel weiß ich nicht über Sie, außer, dass Sie streitbar sind und Ihr Leben von Gegensätzen geprägt zu sein scheint. Wurden Sie deshalb Juristin?
Hülya Düber: Nein, das hatte andere Gründe. Ich weiß noch, dass ich in meiner Schulzeit Wirtschafts- und Rechtslehre für das langweiligste Fach überhaupt hielt. Nach meinem Abitur habe erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Alten- und Krankenpflege absolviert. Es war eine sehr intensive Zeit, in der ich viele unterschiedliche Schicksale kennengelernt habe. Ich bin eine empathische Person und lasse mich auf die Menschen ein. Manchmal zu sehr. Immer mehr hatte ich die Distanz zu meinen Patienten verloren, ich kümmerte mich auch außerhalb meiner Arbeit um sie und wollte alles richtig machen. Irgendwann erkannte ich, dass mich dieser Job auf Dauer zu sehr aufreiben würde. Es war am selben Tag, an dem ich mich ins Auto gesetzt habe und mich für das Jurastudium beworben habe.

Lorenz Wohanka: Waren Sie eine gute Studentin?
Hülya Düber: In den ersten Semestern hatte ich sehr mit dem oftmals wahnsinnig unspektakulären Studium zu kämpfen und
fragte mich, ob das der richtige Weg für mich sei. Mein späterer Doktorvater bestärkte mich aber bald in meinem Tun und eröffnete mir neue Blickwinkel, und so änderte sich mein Eindruck vom Studium grundlegend.

Lorenz Wohanka: Das ist interessant. Ihr Doktorvater scheint Ihnen in einem entscheidenden Punkt Ihres Lebens geholfen zu haben. Wer hat Sie noch beeinflusst?
Hülya Düber: In erster Linie meine Mutter. Sie gehört zur Generation der türkischen Gastarbeiter, die in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen. Sie ging alleine los, mein Vater und meine Geschwister blieben in Istanbul. Sie arbeitete in einer
Schneiderei in Miltenberg, wo sie sich eine Existenz aufbaute und ich später auch geboren wurde. Sie war vorausgegangen und meine Familie kam erst ein Jahr später nach. Bei uns zu Hause herrschte stets ein Matriarchat, meine Mutter war eine liebevolle, aber auch dominante Frau, die alles in der Hand hatte. Und sie wusste immer, in welche Richtung sie laufen will. Das hat mich sehr beeinflusst und mein Selbstbewusstsein geprägt.

Diplompsychologe Lorenz Wohanka im Interview mit Dr. Hülya Düber. Foto: Dominik Röding

Diplompsychologe Lorenz Wohanka im Interview mit Dr. Hülya Düber. Foto: Dominik Röding

Gemeinsam für die Familie

Lorenz Wohanka: Wie sehr spüren Sie Ihre türkischen Wurzeln?
Hülya Düber: Dieses Fernweh nach der ursprünglichen Heimat, glaube ich, spürt wohl jedes Migrantenkind. Das ist bei mir nicht anders. Im Zuge meiner Doktorarbeit hatte ich die Möglichkeit, in der Türkei zu forschen. So lebte ich fünf Monate
lang in Ankara. Ich wollte das Land und die Leute kennenlernen und manches dadurch besser verstehen. Am Ende hatte ich erkannt, dass ich mehr Türkin bin, als ich gedacht hatte.

Lorenz Wohanka: Hat Ihre familiäre Vorgeschichte Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Hülya Düber: Nein, das sollte es eigentlich nicht. Ich will anhand meiner Leistungen bewertet werden. Mein Hintergrund sollte
keine Rolle spielen, gleichwohl merke ich aber, dass das, was ich mitbringe, schon entscheidend ist. Ich habe erst mit vier Jahren Deutsch gelernt. Ich war Deutsche und doch wiederum auch nicht, weil ich nichts verstand. Auch jetzt noch kann ich mich noch klar an Situationen der Ausgrenzung erinnern, die ich erlebt habe. So sehr hat sich das eingebrannt. Dadurch habe ich einen anderen Blickwinkel auf manche Dinge als andere Kollegen.

Lorenz Wohanka: Die zudem vorwiegend männlich sind.
Hülya Düber: Ja, das stimmt. Was das Thema Gleichberechtigung anbelangt, sehe ich noch viel Arbeit vor uns. Und das betrifft
nicht einmal so sehr die Anzahl an weiblich besetzten Positionen in einem Unternehmen. Wie oft werde ich gefragt, wie ich Beruf und Kinder unter einen Hut bringe. Und das von Frauen! Ich habe manchmal den Eindruck, beim weiblichen Geschlecht mangelt es noch zu sehr an Solidarität untereinander.

Lorenz Wohanka: Die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Famile bekommen Männer tatsächlich eher selten zu hören.
Hülya Düber: Genau, und ich antworte dann immer: „Auch meine männlichen Referentenkollegen haben Kinder. Wie schaffen die das wohl?“ Vor allem, wenn in der Frage ein vorwurfsvoller Ton mitschwingt, kann ich gereizt reagieren. Wer jedoch echtes Interesse signalisiert, dem verrate ich: Mein Mann und ich kriegen das gemeinsam hin. Er arbeitet in Teilzeit und ist nachmittags zu Hause. Er hält mir den Rücken frei, wenn mein Tag länger dauert. Er ist ein sehr geduldiger Mensch und viel besser in der Kindererziehung als ich – da braucht man nämlich bisweilen echte Nervenstärke und Ausdauer, mehr noch als in meinem Beruf (lacht).

Dr. Hülya Düber liebt ihren Job. Foto: Dominik Röding

Dr. Hülya Düber liebt ihren Job. Foto: Dominik Röding

Scheitern ist kein Makel

Lorenz Wohanka: Erleben Sie wegen Ihres beruflichen Erfolgs auch Missgunst?
Hülya Düber: Nein. Ich erlebe vielmehr, dass Menschen, zum Beispiel in meinem türkischen Umfeld, stolz darauf sind, dass ich es so weit gebracht habe. Gerade jungen Frauen will ich ein Vorbild sein und zeigen, dass es gelingen kann, Karriere zu machen und Kinder groß zu ziehen – und man auch noch stolz darauf sein darf.

Lorenz Wohanka: Ganz ohne Probleme läuft Ihr Leben aber auch nicht ab, oder?
Hülya Düber: Ich lebe in einer Patchwork-Familie und habe einen Sohn, der die fünfte Klasse besucht. Glauben Sie mir, ich weiß, dass nicht immer alles rund läuft.

Lorenz Wohanka: Wie gehen Sie mit Fehlern um?
Hülya Düber: Es ist eine Kunst, ehrlich mit sich ins Gericht zu gehen. Vor allem, wenn man, wie ich, gerne Recht hat (lacht). Aber es ist wichtig zu reflektieren, weil man bei einem Fehler ja immer einer anderen Person ein Unrecht antut. Ich verstehe übrigens nicht, warum Scheitern immer als Makel angesehen werden muss. Aus einem Rückschlag kann man, die richtigen Schlüsse gezogen, nur gestärkt hervorgehen.

Lorenz Wohanka: Woraus beziehen Sie Ihre Stärke? Sind Sie ehrgeizig?
Hülya Düber: Ich kann mit dem Begriff wenig anfangen. Ich bin eine Inhaltstäterin. Wenn mich etwas überzeugt, wenn ich finde, dass es richtig und wichtig ist, dann will ich es gut machen um der Sache willen. Und dann knie ich mich auch voll hinein. Diesen Wesenszug schätzen meine Mitarbeiter auch an mir, das hoffe ich zumindest.

Umgang auf Augenhöhe

Lorenz Wohanka:Menschen schätzen Authentizität, dann lassen sie sich auch leichter überzeugen. Als Chefin von 400 Mitarbeitern ist das eine wichtige Eigenschaft. Und, psychologisch betrachtet, besser als autoritäres Auftreten.
Hülya Düber: Genauso sehe ich das auch. Ich will ein erfolgreiches Team führen mit loyalen Mitarbeitern, die motiviert ins Büro kommen. Ich verbringe die meiste Zeit im Büro, da will ich eine Beziehung zu den Menschen haben, die um mich sind. Und ich möchte, das der Umgang auf Augenhöhe läuft und gefestigt ist, so wie ich es auch zu Hause in meiner Familie erlebe.

Lorenz Wohanka: Es gehört Mut dazu, sich auf seine Mitarbeiter zu verlassen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie müssen ja als Vorgesetzte auch die Rahmenbedingungen vorgeben.
Hülya Düber: Das bereitet mir keine Probleme. Wer den Bogen überspannt, den norde ich schnell wieder ein (lacht). Nein, im
Ernst: Ich gebe Menschen, die ich neu kennenlerne, immer einen Vertrauensvorschuss. Dass das auch nach hinten losgehen kann, ist mir bewusst. Es ist immer eine Gefahr dabei, sich zu öffnen. Aber warum soll ich das Erlebnis mit einem Menschen, der mein Vertrauen missbraucht hat, auf einen anderen Menschen übertragen? Dazu sehe ich keine Veranlassung.

Lorenz Wohanka: Sie vereinigen eine Menge Kontraste in sich.
Hülya Düber: Ja, und das trage ich auch nach außen, nicht nur mit dem, was ich sage, sondern auch mit dem, was ich trage: buntes Kleid, Lippenstift, Nagellack. Was dann oft gar nicht recht zur „Frau Doktor Düber“ passt, von der man sich im Vorfeld ein ganz anderes Bild gemacht hat. Ich weiß, dass mein Auftritt manchmal provokant erscheinen mag. Aber genau das bin ich.

Lorenz Wohanka: Sie sind, so wie ich Sie jetzt kennenlernen durfte, keine ehrgeizige Karrieristin. Daher frage ich Sie lieber nicht, wo Sie sich in zehn Jahren sehen.
Hülya Düber: Diese Frage könnte ich Ihnen auch gar nicht beantworten. Was ich aber weiß: Ich habe mich nie verbogen, um
irgendwie voranzukommen. Ich habe immer aus inhaltlichen Gründen heraus gehandelt. In meinem Leben hatte ich das große Glück, dass sich immer wieder neue Türen geöffnet haben und ich auf Umwegen wieder zurück geführt wurde zu dem Berufsfeld, in dem ich ursprünglich arbeiten wollte: im sozialen Bereich. Für mich hat sich hier der Kreis geschlossen. Alles andere haben wir sowieso nicht in der Hand. Mit dieser Einstellung gelingt es mir auch, Stück für Stück gelassener zu werden. Das war vor zehn Jahren noch anders gewesen.

Zur Person: Dr. Hülya Düber

Dr. Hülya Düber übernahm 2014 das Sozialreferat der Stadt Würzburg. Die in Miltenberg geborene Juristin arbeitete bereits seit 2010 bei der Stadt, zunächst als Leiterin der Abteilung Baurecht, später übernahm sie den Bereich Allgemeine Bürgerdienste. Hülya Düber ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

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