Johannes Follmer bei der Arbeit. Foto: David Ebner
Johannes Follmer bei der Arbeit. Foto: David Ebner

Von Hand geschöpft: Die Papiermühle Homburg

Sehen, erleben, machen: In der Papiermühle Homburg wird nicht nur Papier hergestellt, sondern auch Papier-Wissen vermittelt.

Reise in die Vergangenheit

Hier scheint die Zeit still zu stehen. Die Papiermühle in Homburg ist ein beeindruckendes Fachwerkgebäude, das viel zu erzählen hat. Über Papier und über die Familie Follmer – deren Geschichten seit Generationen miteinander verwoben sind. Das Ensemble von 1807 stand ursprünglich in Windheim am Rande des Spessarts, ehe es aufgrund dortigen Wassermangels nach Homburg verlegt wurde. 1853 übernahm Johann Follmer die Mühle, die bis zur Betriebsaufgabe im Jahre 1975 in Familienbesitz blieb. „Möglicherweise mache ich auch deshalb Papier, weil das schon meine Großväter getan haben“, sagt Johannes Follmer, Ururenkel des Gründers. Er setzt hier in fünfter Generation die Tradition seiner Vorväter fort und bewahrt das Kulturerbe der althergebrachten Papierherstellung.

Reise in der Vergangenheit: Papiermühle in Homburg. Foto: Dominik Röding

Reise in der Vergangenheit: Papiermühle in Homburg. Foto: Dominik Röding

Wertvolle Unikate

Exklusiv war handgeschöpftes Papier schon immer. Früher, weil es als wertvoller Kulturträger nur Wenigen vorbehalten war. Heute, weil nur Wenige es produzieren. „Für Individualisten, für die Kreativen, die für ihre Ideen einen lebendigen Partner suchen, für die mache ich Papier“, sagt er. 300 Bögen im DIN A4-Format schafft er an einem guten Tag. Bei größeren Formaten sind es weniger. Seine Auftragsbücher sind voll. Visitenkarten für den Prinzen von Hohenzollern, Papierbögen mit Wasserzeichen für den Künstler Georg Baselitz oder Ersatzseiten für die in Mitleidenschaft gezogenen Bücher der 2004 in Brand geratenen Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, nennt er als prominente Aufträge. Die Haptik, der Verwendungszweck, die Authentizität, all das lässt er einfließen in seine Arbeit. Kein Papierbogen gleicht dem anderen. Blatt für Blatt ein greifbares, spürbares Papier   – und ein Unikat.

Eine ruhige Hand ist gefragt

Der Holzboden in der Werkstatt knarzt bei jedem Schritt, die Luft ist überraschend kühl und riecht nach ­Stoff. Vor dem Fenster der Werkstatt rauscht der Bischbach aus einem Rohr in die Tiefe und hält das moosbewachsene ­eiserne Mühlrad in Gang. Johannes Follmer steht am Bottich und rührt die Masse aus Brei und Wasser. Das Papierschöpfen erfordert eine ruhige Hand und viel Zeit. „Innere Unruhe erzeugt schlechte Blätter.“ Rohstoffe wie Baumwolle, Flachs oder Hanf werden im sogenannten „Holländer“ gemahlen. Reines Quellwasser aus dem Bischbach wird mit Fasern, Leim und Zusätzen wie Farben oder Einschlüssen wie Blüten versetzt. Mit dem Schöpfsieb entnimmt er eine gleichmäßige Lage des Faserbreis und „gautscht“ es auf einen Filz.  Pressen, Trocknen, Glätten – und das Papier ist fertig.

Johannes Follmer beweist ein ruhiges Händchen. Foto: David Ebner

Johannes Follmer beweist ein ruhiges Händchen. Foto: David Ebner

Museum und Eventlocation

Die Mühle, die „alte Dame“, fordert ihn unnachlässig heraus. „Ich möchte dieses jahrhundertealte Gehöft am Laufen halten, aber das ist eine Menge Arbeit.“ Von Mai bis Oktober empfängt er Besucher und führt sie durch die Papiermühle, die auch ein Museum sowie eine Kunstausstellung beheimatet. Oben, im zweiten Stock, sind die 1960er-Jahre konserviert, in Orange und Petrol. Unten, im Keller, das Zeitalter der Industrialisierung, mit seinen mächtigen gusseisernen Maschinen. Wer mag, kann die Scheune der Papiermühle auch mieten und mit bis zu 80 Personen unter historischem Dachgebälk feiern. Aktuell bemüht sich Johannes Follmer, die Papiermühle im Verbund mit zwei anderen Papier-Museen in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO eintragen zu lassen. Zeit wäre es.

- ANZEIGE -

AUCH INTERESSANT