Im Sozialstaat der Honigbiene sorgt nur die Königin für Nachkommen. Foto: Roland Günter
Im Sozialstaat der Honigbiene sorgt nur die Königin für Nachkommen. Foto: Roland Günter

Natur im Fokus: Mensch und Tier verbindet mehr miteinander als gedacht

Mensch und Tier verbindet mehr miteinander als gedacht. Warum sich hierauf ein genauerer Blick lohnt, erklärt Diplom-Biologin Karin Günter.

Durch den Artikel von Herrn Buchenau in der letzten Tiepolo-Ausgabe kenne ich nun Wikipedias Definition für Menschlichkeit: „Das, was Menschen von Tieren unterscheidet“. Verstehen tue ich sie nicht. Logischerweise verhalten sich Tiere nicht menschlich. Aber im Tierreich findet sich fast das gesamte Repertoire an Verhaltensweisen wieder, die beim Menschen die Menschlichkeit ausmachen.

Mietverhältnisse bei Tieren

Wusstest Du, dass es auch bei Tieren Mietverhältnisse gibt? Eine vom Schwarzspecht frisch gebaute Baumhöhle wird in den Folgejahren von verschiedenen Nachmietern genutzt. Hohltauben ziehen ein und bringen darin ihre Brut hoch, Kleiber, Fledermäuse, Hornissen und andere folgen. Alle richten sich das neue Zuhause nach ihren Bedürfnissen ein, verkleinern das Eingangsloch, räumen altes Nistmaterial heraus und neues hinein.

Konkurrenz bei der Paarbindung

Zwischen verschiedenen Tierarten und innerhalb einer Art gibt es aber auch Konkurrenz. Bei der Paarbindung galten Vögel lange Zeit als monogam – bis man herausfand, dass das so nicht stimmt. Auch manche Vogelweibchen gehen fremd. Zum Beispiel, wenn sie bei fremden Männchen eine bessere Fitness wahrnehmen. Das sichert den Nachkommen bessere Überlebenschancen. Blaumeisen-Weibchen erkennen etwa an der Leuchtkraft des blauen Hauptes, wie gesund ein Männchen ist. Männchen reagieren auf diese mögliche „Untreue“ ihrer Partnerin mit Überwachung der Weibchen und machen Futtergeschenke, um die Paarbindung zu stärken. Selbst uneigennütziges Verhalten ist im Tierreich bekannt. Bei einigen sozialen Insekten wie den Honigbienen verzichten Arbeiterinnen auf eigene Nachkommen und ziehen stattdessen Schwestern und Brüder auf.

Tiere helfen

Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut haben Schimpansen dabei beobachtet, wie sie sowohl Artgenossen als auch Menschen dabei halfen, einen entfernt liegenden Gegenstand zu erreichen – und zwar ohne Belohnung. Viele Menschen sind gerührt, wenn sie hören, dass Elefanten beim Zug zur nächsten Wasserstelle auf ihre kranken Artgenossen warten und ihnen helfen. Je ähnlicher tierische Lebens- und Verhaltensweisen denen der Menschen sind, desto leichter fällt es uns, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu fühlen. Es gibt nur ein Lebewesen auf der Erde, das sich „unmenschlich“ verhält: der Mensch.

Wenn es uns gelingt, Tiere mit ihren Bedürfnissen zu respektieren, nehmen wir vielleicht eher Abstand von Massentierhaltung und Lebensraumzerstörung.

Herzlichst, Karin Günter

Zur Person: Karin Günter

Die Diplom-Biologin ist bei der Höheren Naturschutzbehörde an der Regierung von Unterfranken tätig. Ihr Mann Roland Günter präsentiert im Internet ein umfangreiches Naturbildarchiv, schreibt Naturreportagen für Zeitschriften und bietet Multivisionsvorträge an. Mehr unter www.naturbildarchiv-guenter.de und www.makro-treff.de

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