In der Buchhandlung Vogel. Foto: Buchhandlung Vogel
In der Buchhandlung Vogel. Foto: Buchhandlung Vogel

Buchkritik: „Sie kam aus Mariupol“

Bei den Recherchen zu ihrer Familiengeschichte stieß Autorin Natascha Wodin auf Verschleppung, Zwangsarbeit und
Heimat­losigkeit. Ein beklemmender Bericht.

Eine verlorene Familiengeschichte

Natascha Wodin ist eine Frau, der das Internet ihre verlorene Familiengeschichte zurückgebracht hat. Die Autorin, die alles andere als eine schöne Kindheit erlebt hat, die ihre eigene Herkunftsfamilie nicht kennt, hatte im hohen Alter die Eingebung, den Namen ihrer Mutter in eine Suchmaschine einzugeben und erhielt zu ihrer Überraschung Antworten, die sie nicht vermutet hatte. Was ihr bis dahin geblieben war von der Mutter, waren lediglich einige alte Fotos. In „Sie kam aus Mariupol“ entwickelt Natascha Wodin auf ganz eindrückliche Weise diese Annäherung an die Herkunft der Mutter. Diese stammte aus einer ukrainischen Adelsfamilie und war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen mit ihrem Mann als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden. Die junge Mutter war traumatischen Erfahrungen ausgesetzt und hat mit ihrem kleinen Kind wohl nie richtig über das Leben und die andern Familien­mitglieder geredet.

Als Zwangsarbeiter in Deutschland

Daher hat Natascha sich immer vorgestellt, dass sie nur aus Versehen in der schäbigen Barackenwelt lebt, eigentlich aber sicherlich aus einer Adelsfamilie stammt, nur leider adoptiert wurde. Was Natascha Wodin neben der anrührenden Familiengeschichte ganz nebenbei zu erzählen weiß, ist die unerzählte Geschichte der Zwangsarbeiter aus dem Osten, die in zigtausenden Nazi-Arbeitslagern interniert waren. Schwer vorstellbar, dass davon niemand etwas gewusst haben soll. Und dass nach der Befreiung diese Zwangs­arbeiter zu „displaced persons“ degradiert und für staatenlos erklärt wurden, also nicht zurück in ihre Heimat konnten, geschweige denn ein Visum fürs gelobte Land Amerika bekamen, erfährt man auch im Buch.

Auf der Suche nach ihren Wurzeln

Bei allen Widrig­keiten des Lebens hat eine Sache die junge Natascha stark gemacht: Ihr Umgang mit der deutschen Sprache, die ihr schon früh eine Welt eröffnet hat, die vorher verschlossen war. Und in dieser Welt ist Natascha Wodin wahrhaft zu Hause, sie hat nicht nur selbst Bücher geschrieben, sondern auch aus dem Russischen und Ukrainischen übersetzt. Eine starke Frau, die endlich ihre wahren Wurzeln erfahren hat und uns an dieser langwierigen, anstrengenden und aufregenden Suche auf wunderbare Weise teilhaben lässt.

Das schreibt der Verlag

Ein außergewöhnliches Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ein dunkel-leuchtendes Zeugnis eines Schicksals, das für Millionen anderer steht.

Zur Person: Franziska Bickel

Die Rezensentin ist Inhaberin der Buchhandlung Vogel in Schweinfurt und engagiert sich als ehrenamtliches Vorstands­mitglied im Börsenverein des deutschen Buch­handels. In „Tiepolo“ stellt die Bücherliebhaberin Lektüren vor, die sie ihren Kunden ans Herz legt. Mehr unter www.vogel-buchhandlung.de

- ANZEIGE -

AUCH INTERESSANT